Prozession, Parade, Pilgrimszug, Demonstration, Marsch – die neue Performance und Videoarbeit der Künstlerin Melanie Manchot untersucht ambivalente Situationen kollektiver Erfahrung.
1000 Kinder aus 13 Schulen laufen zeitgleich in den verschiedensten Hamburger Stadtteilen aus ihren Schulen, durchziehen die Stadt, zielgerichtet, bewusst. Auf dem Platz der Deichtorhallen zieht eine Kamera einen Kreis, betrachtet den leeren Ort, bis der erste Strom von Kindern den Platz betritt und sich wie in einem Sog um die Kamera schart. Mehr und mehr Gruppen von Kindern treffen ein, bilden eine Masse von jungen Menschen um die sich kreisende Kamera.
Rhythmen begleiten die Kinder auf ihrem Weg zu den Deichtorhallen, sie selber spielen sie immer wieder und finden so weitere Bezugspunkte und Momente des Austausches mit ihrer Umwelt. Angelehnt an John Cage und Steve Reich hat Stefan Weinzierl, Percussionist und Musikpädagoge, ihnen musikalische Pattern an die Hand gegeben, die den Tonteppich des Alltags mit musikalischen Elementen kombinieren.
Angeregt sowohl von künstlerischen Bezugspunkten als auch von aktuellen sozio-politischen Geschehen der letzen Monate – von den englischen Schülerprotesten über den ‚arab spring’ zu den Londoner Krawallen - produziert diese neue Performance und Videoarbeit eine Situation voller Ambivalenz und Dynamik. Bewusst treffen hier Verwirrung und Ordnung immer wieder aufeinander, produzieren ein Spannungsfeld von Chaos und Kontrolle, vom Zufallsprinzip zur Choreografie und evozieren so einen Dialog zur Bedeutung des Kollektiven, der Dynamik von Individualität, Gemeinschaft und Masse.
1000 Kinder verschiedenster Sozialisation und Nationalitäten kommen durch die Kunst kurzfristig zu einer gemeinsamen Performance zusammen, und nur im Zusammenspiel kann die Arbeit entstehen. Jeder Einzelne und alle gemeinsam tragen Verantwortung und Bedeutung. Der Akt des Laufens selber funktioniert hier als Sprache, als demokratischer Ausdruck, und als Vereinnahmung des öffentlichen Raums.
Konzipiert für die Ausstellung „Wunder“ und realisiert in Kooperation mit dem Kulturforum 21 der katholischen Schulen in Hamburg liegt das Staunen und Wundersame dieser Arbeit vor allem in der Menge der teilnehmenden jungen Menschen, die für die Dauer der Performance ein gemeinsames Ziel verfolgen, angezogen sozusagen von der Kunst, die hier die Richtung und das Ziel angibt.
Gefilmt wird die Performance auf drei Kameras sowie auf 12 Handycams von den Schülern selber. Und auf ihrem Weg trägt jedes der Kinder eine Fotografie, ein Portrait des Menschen, dem sie ihren Weg widmen möchten. Film und Collage der 1000 Fotografien werden direkt nach Eröffnung in die Ausstellung integriert.